21. Mehrdeutige Sprache

… unsere Physikprofessorin ist ein positives und erbauliches Beispiel, Max im Unterricht gut einzubinden. Aber wo Sonne ist, gibt es auch Schatten. In Geografie hatte Max eine sehr strenge Professorin. Trotz intensiver Bemühungen, in Gesprächen mit ihren Kollegen, der Schulärztin, sowie der Direktorin Verständnis für Max zu schaffen, kam sie mit seinem Verhalten einfach nicht wirklich klar. In einer Geografiestunde verfolgte Max sehr gespannt den Unterricht. Andere Kinder waren weniger interessiert und unterhielten sich mit den Sitznachbarn, bis der Lehrerin der Geduldsfaden riss und sie in die Klasse rief: „Seid jetzt bitte wieder ruhig und dreht euch um.“ Max befolgte ihre Anweisung prompt, nahm seinen Sessel und wandte sich von der Tafel ab. Sowohl für die erstaunte Pädagogin als auch für die Mitschüler eine völlig unverständliche Reaktion. Jedes „normale“ Kind – ich mag diesen Begriff zwar nicht und werde später darauf eingehen – würde diese Aufforderung „richtig“ verstehen. Warum Max nicht? Max, sowie andere Autisten übrigens, kann nicht zwischen den Zeilen lesen und damit die Zwei- bzw. Mehrdeutigkeit der Sprache erkennen. Das führt zwangsläufig zu Missverständnissen und Kommunikationsschwierigkeiten. Zurück in die Geografiestunde: Max fühlte sich angesprochen und verstand nicht, dass es gar nicht um ihn ging. Es kam, wie es kommen musste, denn die Professorin fühlte sich von Max provoziert und drohte ihm, dass er sich bei der Direktorin melden müsste, wenn er nicht sofort mit dem Unsinn aufhörte. Max beschäftigte sich noch am Abend über die Vorkommnisse und grübelte, was eigentlich das Problem war, der er aus seiner Sicht alles machte, was die Professorin verlangte. Ich erklärte ihm ausführlich, wie diese Situation zustande kam und schön langsam konnte er es mit seinem Verstand auflösen. Für mich war es besonders schwierig, die – für mich sonnenklare – Zweideutigkeit für Max greifbar zu machen. Manchmal fällt es mir selbst schwer, so klar und eindeutig mit Max zu kommunizieren, damit es zu keinen Unklarheiten kommt. Da muss ich mich selbst an der Nase nehmen …

20. Die Physikprofessorin

Max erzählt immer wieder, dass es einige Lehrer gibt, von denen er sich verstanden und akzeptiert fühlt. Dann gibt es aber wiederum Pädagogen, die Max lediglich als unerzogen bezeichnen und die Diagnose Autismus sogar in Frage stellen. Für mich und meinen Ex-Mann David ist das auch nach der langen Zeit nicht nachvollziehbar.
Ich habe schon so oft versucht, die Pädagogen ins Boot zu holen und dabei gehofft, dass sie mehr Verständnis für Max aufbringen, aber leider gelingt das nicht immer. Wenn sich einzelne PädagogInnen mit dem Thema Autismus auseinandersetzen, erkennen sie, dass Max sehr gut und einfach gelenkt werden kann. Er hatte die ersten zwei Jahre im Gymnasium eine Physikprofessorin, die mir bei der ersten Begegnung versicherte, dass sie sich mit Autismus auskennt und weiß, wie sie autistische Schüler unterstützen und fördern kann. Sie erklärte mir, wie sie mit Max umging und welche Strukturen und Anweisungen er benötigt um ihn in Sachen Selbstorganisation zu fördern. Von Anfang an kommt sie hervorragend mit ihm klar und Max bezeichnet sie als absolute Lieblingslehrerin.

Am Umgang der Physikprofessorin lässt sich gut erkennen, mit welchem geringen Aufwand es möglich ist, Max im Unterricht gut zu integrieren. Natürlich ist es für Lehrer mitunter auch eine große Belastung, ein Kind mit Asperger-Autismus in der Klasse zu beschäftigen. Ich wünsche mir mehr Verständnis für Kinder wie Max und freue mich über Lehrer, die es nicht nur als Aufwand, sondern als Herausforderung und Spannung betrachten, ein autistisches Kind zu unterrichten.

19. Bedrängnis

… und manchmal die Situationen gar nicht richtig einschätzen kann… Max hat sich schon immer wieder in sehr gefährliche Situationen gebracht, aber das, was ich heute schreibe, toppt so einiges. Eines Sommernachmittags ging Max von der Schule nach Hause, als er mich ganz aufgeregt anrief und ins Telefon brüllte: „Mama, Mama! Du musst mir helfen!“ Ich versuchte ihn zu beruhigen, damit er mir möglichst schnell und kurz berichten konnte, was davor genau passiert war. Er erzählte mir, dass er gerade einer alten Dame geholfen hatte. Bis dahin war das ja sehr lobenswert und an sich noch nichts Ungewöhnliches. Aber dann folgte das: Die Dame wurde mitten in der Stadt von zwei jungen Männern angepöbelt und kam den Männern nicht aus. Max rannte auf die Männer zu und versuchte die alte Dame zu beschützen. Die jungen Männer waren so überrascht, dass ein Kind auf sie zulief und ließen von der Dame ab und rannen davon. Niemand hatte der Dame geholfen und ich war nach dieser Geschichte froh, dass Max noch als „ganzes Kind“ nachhause kam. Zu Hause besprachen wir die Situation sehr intensiv. Ich war auf der einen Seite sehr stolz auf Max, dass er nicht wie die anderen Leute wegschaute, sondern heldenhaft handelte. Auf der anderen Seite redete ich ihm aber auch ins Gewissen, dass er sich damit in große Gefahr begab.

Fazit, wenn man das überhaupt so sagen kann: Ich weiß, dass sich Max jederzeit wieder einer solchen Situation ausliefern würde, da er mit dem Einschätzen von Gefahren nicht richtig umgehen kann.

18. Fehlinterpretationen

… Gerechtigkeit ist im Allgemeinen ein wichtiger Wert. Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn ist wiederum nicht immer von Vorteil. Manchmal würde ich mir wünschen, dass sich Max nur um seine eigenen Dinge kümmert. Denn leider passiert es oft, dass sich Max in die Angelegenheiten anderer MitschülerInnen einmischt und die Situation auch fehlinterpretiert. Max hat sich nicht erst einmal in Streitereien in schlichtender Absicht eingebracht, obwohl er selbst gar nicht involviert war. Besonders heikel wird die Situation dann, wenn Max die Situation fehleinschätzt und es sich bei dem vermeintlichen Streit gar nicht um einen ernsthaften Streit handelte, sondern lediglich um ein Gerangel unter Freunden. Das Ergebnis brauche ich gar nicht weiter zu erörtern. In manchen Situationen ist es aber auch sehr wertvoll, dass Max mit seiner unerschütterlichen Gerechtigkeit einsteht…

17. Wahrheit und Wahrhaftigkeit

… Wahrheit und Gerechtigkeit, das sind zwei Begriffe, die uns schon viele Jahre begleiten. Viele Asperger-Autisten können nicht lügen. Es fällt ihnen schwer, bzw. ist es ihnen teilweise ganz unmöglich. Max zum Beispiel kann überhaupt nicht lügen, und so versucht er auch Kleinigkeiten wie einen „Pups“ zu verheimlichen. Natürlich gelingt es ihm dann nicht, solche unangenehmen Situationen zu leugnen. Man sieht ihm das dann auch schon aus der Entfernung an, bevor er überhaupt mit der Ausführung beginnt. Das klingt nach Situationskomik, ist aber oft nicht so witzig, da Max über eine andere Wahrnehmung verfügt, die für ihn die Wahrheit darstellt.
Durch den über Jahre bestehenden intensiven Kontakt zu meinem Kind, gelingt es mir oft, Max zu überzeugen, dass er sich vielleicht auch eine andere Sichtweise anschauen soll. Und in Situationen, die ich zwischen Max und Simon manchmal mitbekomme, kann ich versuchen, als neutraler Dritter die Situation noch einmal aufzurollen. Max hat in jahrelangem Training gelernt, sich darauf einzulassen. Das ist im Schulleben natürlich nicht immer so möglich, bei einem autistischen Kind aber trotzdem oft notwendig.
Die meisten Situationen laufen ähnlich ab. Es gibt eine lange Vorgeschichte, wie zum Beispiel, dass ein Kind Max still und leise ärgert. Irgendwann läuft das Fass über und Max scheint aus dem Nichts heraus zu explodieren. Was man dann aber nur sieht ist, dass Max scheinbar aus dem Nichts heraus explodiert und plötzlich beginnt, sich lautstark verbal zu verteidigen.
Dass diese Situation schon manchmal über Tage läuft, ist oft schwer bis gar nicht zu erkennen. Manchmal hat Max Glück und ein Lehrer kann die Situation richtig einschätzen. Oft ist es aber für Lehrer auch schwierig, alle 25 Kinder ständig so detailliert im Blickfeld zu haben, um dann situationsgerecht reagieren zu können.
Im Gymnasium kommt noch dazu, dass Max nahezu jede Stunde von anderen Pädagoginnen unterrichtet wird und diese natürlich nicht mitbekommen, was in den Stunden zuvor bereits passiert ist. Für „gesunde“ Kinder ist es genauso schwierig zu verstehen, wie sich ein autistisches Kind fühlt und warum es so reagiert und sich schnell ungerecht behandelt fühlt. Der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn wirkt als zusätzlicher Verstärker. Für einen Autisten ist es dann sehr schwierig bis unmöglich, alleine wieder aus dieser Abwärtsspirale herauszutreten…

16. Toleranzschwelle

Leider oder zum Glück sieht man Max seine Beeinträchtigung nicht an und deshalb verstehen viele Eltern nicht, dass Max einige Hilfestellungen bekommt, die ein gesundes Kind gar nicht benötigt.Weiterlesen »

15. Der Computer

Heute ist im wahrsten Sinne des Wortes ein grauer Tag. Obwohl es durch den Klassenwechsel im neuen Schuljahr einfacher für Max wurde, braute sich in den vergangenen Tagen wieder etwas zusammen, das die Situation aus dem Ruder laufen ließ. Etliche Kinder haben sich innerhalb kurzer Zeit gegen Max gestellt. Was alles hinter unserem Rücken passiert, weiß ich gar nicht im Detail. Ich weiß nur, dass sich wieder Eltern über Max beschwerten.
Max kann nicht schreiben und darf deswegen einen Computer verwenden. Für viele Eltern stellt das ein Problem dar. Dadurch entstehen wiederum vorschnell vermeidbare Gerüchte und Vorurteile, weil viele Eltern gar nicht erst nachfragen, warum Max eigentlich einen Computer im Unterricht verwenden „darf“.
Das entsteht dadurch, dass die Eltern nicht wissen, dass Max anders ist und so entsteht schnell, sehr schnell ein Vorurteil. Seine Beeinträchtigung sieht man Max von außen nicht an – und trotzdem ist sie da.
Mit jahrelanger Übung und durch seine hohe kognitive Leistung hat er es geschafft, seine Defizite gekonnt zu kaschieren. All das, was Max mühevoll erarbeitet hat, wird immer wieder durch Abwertungen seiner Umwelt zurückgesetzt. Ich mache niemandem einen Vorwurf, im Gegenteil, ich verstehe, dass man sich von einem „normal aussehenden Kind“ auch ein „normales Verhalten“ wünscht bzw. erwartet. Ein blinder Mensch bekommt eine Sehhilfe, ein immobiler Mensch bekommt einen Rollstuhl und es wird alles daran gesetzt, eine barrierefreie und rollstuhlgerechte Umgebung zu schaffen. Das finde ich auch spitze, aber für einen Autisten wird noch sehr wenig gemacht. Leider wird eine nicht sichtbare Behinderung in vielen Fällen weder erkannt noch ernst genommen.

14. Perspektivenwechsel

… gerade weil ich die Kinder so gut verstehen kann, wie mühsam ein seltsames Kind sein kann, ist es mir umso wichtiger, dass auch die Eltern solche betroffenen Kinder unterstützen beziehungsweise sogar schützen. Vielleicht hätte ich es als Kind auch besser verstanden, wenn man mich aufgeklärt hätte, aber ich hatte die Möglichkeit gar nicht. Heute tut es mir richtig weh, wenn ich daran denke, dass ich so verletzend zu anderen Kindern war. Meine größter Lehrmeister war und ist Max. Durch Max habe ich gelernt mir Situationen durch unterschiedliche Perspektiven zu betrachten.
Je älter er wird, desto intensiver muss ich Verständnis für ihn aufbringen. Es ist schwierig, sogar sehr schwierig, aber ich möchte, dass Max seine Persönlichkeit so gut wie möglich behält und leben kann. In einem System wie der Bildungseinrichtung Schule bestehen zu können, erfordert es laufend, dass Max sich verbiegt, verstellt und beugt. Deshalb versuche ich ihn – so gut es geht – im privaten Bereich auch Max sein zu lassen. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass es mir nicht schwer fällt, denn ich finde Max sehr interessant und bin immer wieder überrascht, welches Wissen er besitzt. Aus der Sicht eines Erwachsenen ist Max´s Persönlichkeit auch sehr spannend, das höre ich im Bekanntenkreis immer wieder. Keiner unserer Freunde kann sich vorstellen, dass Max in der Schule so viele Probleme hat …

13. Ändern des Blickwinkels

… leider gibt es dieses Bauunternehmen nicht, sonst würde ich es heute selbst gerne in Anspruch nehmen. Max kam heute aus der Schule nach Hause und weinte bitterlich. Bis ich von ihm eine Antwort bekam, dauerte es Minuten, die mir wie Stunden vorkamen. Max weinte oft, aber eben schon lange nicht mehr so intensiv wie heute. Das erinnert mich an die vergangenen zwei Schuljahre, in denen Max von anderen Schülern richtig gemobbt wurde.
Schlimm an der Geschichte ist, dass ich die Kinder, die Max sekkierten, teilweise sogar verstehe, da ich als Kind nicht anders war.
Ich fühlte mich stark, wenn ich Marc und Pauli in der Unterstufe ärgern konnte. Es war förmlich eine Genugtuung, diese beiden „seltsamen“ Buben zum Weinen zu bringen.
Heute sehe ich das natürlich mit anderen Augen und aus einem ganz anderen Blickwinkel als damals. Erstens wusste ich damals nicht, was ich getan und damit den beiden Burschen antat. Zweitens wusste meine Mutter nicht Bescheid und konnte daher auch nicht, so wie ich heute, intervenieren.
Ich habe das sehr geschickt gemacht und die LehrerInnen haben mich als brave Schülerin wahrgenommen. Die Bestätigung erhielt ich auch bei unserem Klassentreffen vor rund einem Jahr. Ich habe immer einen positiven Eindruck hinterlassen. Marc erschien erst gar nicht zum Klassentreffen und Pauli ist mir auf immer böse, was ich ihm auch nicht verübeln kann. Nachdem ich Pauli vor einem Jahr als erwachsenen Mann beim Klassentreffen wiedergesehen habe, bin ich mir 100-%ig sicher, dass er auch ein Asperger-Autist ist. Er hat sich tapfer durch die Schule gequält, wie er selbst dazu sagt und seinen Weg gemacht. Wenn ich mich richtig erinnere, dann sagte er, dass er heute als „Oberförster“ arbeite.
Obwohl es für eine Entschuldigung zu spät war, denn die Gemeinheiten saßen und sitzen noch immer tief, freue ich mich sehr für Pauli, dass er sein Leben so gut meistert…

12. Baustellenservice

… mir ist es bereits mehrmals gelungen, das Ruder noch rechtzeitig herumzureißen und Eltern – meist Mütter – aus Simons Klasse, zum Nachdenken anzuregen. Die Beispiele von Max und Felix zeigen, wie leicht man von anderen in eine Schublade gesteckt wird. Wer das einmal selbst erlebt hat, wünscht das niemand anderem. Ich würde mir selbst etwas vormachen, wenn ich behaupten würde, dass mir das immer gelingt. Mit der Routine und dem Umgang mit immer wieder neuen Herausforderungen habe ich gelernt, anders damit umzugehen. Ich versuche auch, dass meine Kinder ein offenes Herz für andere Menschen bekommen.

Nach kurzer Anteilnahme und Bemitleidung durch Freunde und Bekannte, steht man schnell wieder alleine vor dem Scherbenhaufen.

Ich würde mir wünschen, dass ich für andere vom Asperger-Autismus betroffene Eltern ein kleines Bauunternehmen gründen kann, um sie dabei zu unterstützen, ihre Baustellen zu koordinieren. Aber ich weiß nicht, ob mir das gelingt …